Hannah Arendt und die "Banalität des Bösen"
Die Banalität des Bösen (Der Eichmann Prozess) von Hannah Arendt ist ein Buch über die Zerstörung des bewussten und tiefen Denkens in Hinblick auf den historischen Kontext des Dritten Reiches und des Holocaust.
Ich werde hier nicht auf die Person Eichmann eingehen, sondern die reine wissenschaftliche Auffassung der Begrifflichkeit des "Bösen" in Zusammenhang mit dem "Banalen" in den Mittelpunkt bringen.
Arendt ging in diesem Buch auf den Begriff "banal" ein, welchen sie aus dem Kantischen Repertoire übernommen hatte, in dem sie Eichmanns vorsätzliches böses Handeln als "banal" bezeichnete, da er nicht zwischen Gut und Böse aufgrund seiner unabdingbaren Gehorsamkeit zu unterscheiden wusste. Leider wurde von den Lesern und Kritikern diese Erklärung als Unschuldsbeteuerung Eichmanns gesehen, welches großes Empören und Staunen unter den Juden auslöste.
In Folge dessen musste Arendt mehrere Jahre heftige Kritik aushalten. Doch warum? Klar, es waren seitens der Juden auch viele Emotionen involviert, doch als Jüdin, Zeitzeugin und politische Philosophin hätte man ihr doch eine objektiv wissenschaftliche, sowohl auch emotionale Herangehensweise zugestehen können?
Wenn man sich das Buch "Eichmann in Jerusalem" durchliest, so muss man sich philosophisch und politisch in die Materie hineinfühlen und hineindenken, denn das Banale nimmt keinesfalls die Schuld des Täters weg, sondern betont eher die erschreckenden Folgen eines Regimes, das es schafft, aus "schrecklich normalen" Menschen, gehorsame nicht-denkende Befehlsausführer zu formen. "Sie maßen sich an zu entscheiden, wer diese Erde bewohnen soll und wer nicht." (Eichmann in Jerusalem, Seite 404)
Die Folge eines solchen gehorsamen Zustandes bringt die Tatsache mit sich, dass die Banalität des Bösen das eigenständige Denken unterbricht, gar ausschaltet, welches durch Manipulation seitens totalitärer Herrschaft geschieht, was so viel bedeutet, dass Spontanität und Denken systematisch zerstört werden. Damit geht auch einher, dass die Freiheit, denken zu können und zu dürfen komplett vernichtet wird. Vielmehr steht der bloße Gehorsam im Vordergrund.
Weiterhin schreibt Arendt in einem Briefwechsel mit Sholem folgendes:
"Ich bin in der Tat heute der Meinung, daß das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie, es kann die ganze Welt überwuchern und verwüsten, eben weil es sich wie ein Pilz an der Oberfläche ausbreitet...nur das Gute besitzt Tiefe und kann radikal sein."
Arendt wollte mit ihrer Begründung keinesfalls die Nazis von Schuld entlasten, im Gegenteil, das bloße Ausführen der Befehle erzeugte eine Wirklichkeit, die dem selbstständigen Denken keinen Platz lässt, und somit gefährlich für sich selbst und den Mitmenschen wird.
Wie bereits oben erwähnt, übernimmt der Handelnde keine Verantwortlichkeit und es entsteht eine "Schuld in der Unschuld", denn man war ja gehorsam und korrekt. Diese gefährliche Einstufung einer solchen Wirklichkeit nimmt Perversionen an, die dazu führen, dass auch ein sadistisch skrupelloses Handeln als Folgeerscheinung auftreten kann, um so den Befehl ganz korrekt auszuführen. Menschliche Experimente waren in solch totalitären Regimen nicht selten.
Hannah Arendt betont auch, dass das Denken auch mit dem Fühlen in Zusammenhang steht.
Wenn nun die Abwesenheit des Denkens dazu führt, dass auch das Fühlen nicht vorhanden ist, so kann man auch nicht von einem Gewissen sprechen, welches beim Formen der Wirklichkeit eines zwischenmenschlichen Daseins elementar ist.
Wenn man sich nun die Aspekte Denken - Fühlen - Handeln anschaut, so kann man festhalten, dass selbständigen freies Denken Tiefe erzeugen kann und somit auch das Gute formt. Fühlen geht ebenfalls Hand in Hand mit Denken und das Handeln entsteht als Folge der Vernunft.
Wenn nun in dieser Kette das Denken wegbricht, so existiert auch nicht mehr das Fühlen und somit bleibt nur das Handeln übrig, welches manipulativ indoktriniert werden kann, Befehle werden ausgesprochen und ausgeführt. In dieser Unschuld des menschlichen Sein entsteht das Böse und das Grausame, welches jedoch mit der Wirklichkeit des Täter nie als Böse gesehen wird.
Hannah Arendt wurde mit dieser These letztendlich vorgeworfen, das Dritte Reich und die Folgen davon zu verharmlosen.
Ich finde nicht, dass das der Fall ist, denn sie hat von einer Kette von Reaktionen gesprochen und von den damit einhergehenden Kausalitäten. Ich finde es erschreckender, wenn ein Mensch vorsätzlich böse und skrupellose handelt, oder wenn Menschen manipuliert werden, denn sie schaffen eine Wirklichkeit, die es ihnen erlaubt vorsätzlich grausam zu sein.
Habt Ihr den Eichmann Prozess gelesen und wenn ja, wie seht Ihr das?

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