Melancholie
Es ist wie ein verträumter Herbst. Ich sitze hier und warte, bis dieses Gefühl weggeht. Es fühlt sich an, als würden Ameisen durch meine Gelenke kriechen und besonders fest über mein Herz marschieren. Und eigentlich liebe ich dieses Gefühl, weil es bebt und mich erschüttert. Ich wünschte nur, es würden Schmetterlinge sein, die in meinem Bauch ihren Frühling wohlgesonnen erleben.
Mein steter Begleiter ist überwiegend die Melancholie, manchmal auch die Freude, aber selten das Glück. Vom Glück halte ich nicht viel, ich nehme es wie die Stoiker. Es fühlt sich an wie eine Erfindung, wohingegen die Freude eine ungeheuerliche Macht hat, die einen beflügelt, sich mit der unendlichen Weite des Universums verschmelzen zu wollen. Leider ist sie ein seltener Gast und man muss sich oft auf die Suche nach ihr machen, denn wenn man dies nicht macht, nimmt die Melancholie gerne den Platz für zwei ein.
Erfahrungsgemäß weiß ich, wenn die Melancholie zugegen ist, dass es wieder Zeit wird, eine weitere Häutung durchzumachen. Wie die Schlange im Dschungel suche ich mir ein ruhiges Plätzchen und leite die Transformationsphase ein, die dazu führt, dass ich mich abermals von einigen netten unnötigen Mitmenschen in meinem Leben verabschieden muss. Das ist nur ein Punkt auf der Liste, es folgen meistens noch mehrere kleine innere Kämpfe.
Die Erleichterung danach ist groß, kaum weniger die Erschöpfung.
Zu welchem Wagnis das Leben einen immer wieder herausfordert - unsicher der Zukunft, muss man sich der Herausforderung stellen und - im Vertrauen auf den Sieg - diese annehmen. Nicht immer einfach und oft mit Schmerz verbunden.
Der Schmerz geht für mich einher mit der Trauer und man flüchtet gerne in die Wolke der Unverständlichkeit dem Schicksal gegenüber, sich fragend, warum ich?!
Mitleid und Selbstmitleid verdunkeln einem dem Blick und ich konzentriere mich darauf, einfach Ruhe zu behalten. Die Metapher der Schlange ist vortrefflich, denn ich weiß, dass das Ergebnis eine neue Haut für die neue Lebensphase sein wird.
Weitestgehend bin ich von allem, was in dieser Zeit passiert unbeeindruckt, denn meine Kraft muss ich bündeln, um nicht die Geduld zu verlieren und in einer Art dunkles Loch zu versinken.
Die Melancholie soll mir helfen, tiefer meinen Seelenzustand zu erfassen und das Schicksalhafte neu zu definieren. Eine Gradwanderung, die mir nicht immer gelingt.
Im Grunde kann ich der Melancholie danken, wenn sie nicht zur Furie wird, denn sie bringt mich zur verzweifelten Ermüdung meines dahin plätschernden Ist-Zustandes und aus dieser Verzweiflung heraus, hin und her gerissen zu werden, gebe ich auf und will sie am liebsten in den Himmel empor schießen oder tief in die Erde einbuddeln, welches ich auch gedanklich vollziehe und dann mich auf die Suche nach der Freude mache...
Wie lange habe ich dafür gebraucht, um diesen Schritt alleine zu schaffen? Sehr lange und es war mit viel Schmerz verbunden und erst jetzt kann ich sagen, sie ist eine gutwillige Klette, eine Kumpanin, die ich aufgegeben habe, los zu werden.

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