Lucius Anneus Seneca (4 n.Chr.-65 n. Chr.) über Schicksal und Ungerechtigkeit
Lucius Anneus Seneca (4 n.Chr.-65 n. Chr.) über Schicksal
Seneca, der dem Stoizismus angehörte, hatte zahlreiche Reden, Gedichte, Texte, Epigramme und Abhandlungen verfasst. Diese reichten von den Briefen (Epistulae morales ad Lucilium) über philosophische Werke bis hin zu naturwissenschaftlichen Abhandlungen (Naturales Questiones).
Das bekannteste Werk, welches die Nachwelt vielfach publiziert hat und unter die lebensbejahenden, nach Glück strebenden Bücher fällt, ist das Werk „De brevitate vitae“, die Kürze des Lebens.
Das Besondere in Senecas Lehren ist die Tatsache, dass seine Ermahnungen und Verweise mit Beispielen aus dem Alltag untermauert werden und nicht nur aus Theorie bestehen.
Der folgende Text beruft sich auf die Epistulae Morales:
Da ich Latein in der Schule hatte, sind wir querbeet durch seine Werke gegangen und haben verschiedene Texte und Themen durchgenommen. Eines, welches mich sehr beeinflusst und auch in verschiedenen Lebenssituationen geholfen hatte, war seine Ansicht über das Gefühl der Ungerechtigkeit in unserer Welt.
Für Seneca war die Philosophie von Anfang an eine Disziplin, die Menschen half, Konflikte zwischen Wunschvorstellung und Realität zu überwinden.
Ich habe oft seine Ratschläge in mein „daily life“ integriert, und schon beim Lesen seiner Passagen mich in bestimmten Situationen wiedergefunden und angefangen meine Sichtweise auf die Dinge zu analysieren.
Seneca war in seinem Text „Vom Trost“ der Meinung, dass jeder Enttäuschung ein Konflikt zugrunde liegt.
Wir entdecken, nachdem wir aus dem 3. oder 4. Lebensjahr herausgewachsen sind, dass die Welt sich nicht stetig um unsere Wünsche dreht. Wenn unsere Erwartung nicht so erfüllt wird, wie wir sie uns ausgemalt haben, entstehen Konflikte - ob in uns selbst oder mit einem Gegenüber – sie richten sich nach dem gleichen Prinzip: uns wird klar, dass wir keine Macht über die Quellen unserer Zufriedenheit haben und das ist frustrierend.
Der Stoiker Seneca war der Meinung, dass wir versuchen sollten, die willkürliche Gegenkraft der Welt nicht durch weitere negative Emotionen, wie etwa Frustration, Wut, Angst, Hass oder Selbstmitleid zu verstärken, sondern diese anzunehmen und es als Schicksalsgeschehen zu akzeptieren, auch wenn eine damit einhergehende Erschütterung unsere Vernunft belastet, sodass das klare Denken durch die negativen Emotionen verschleiert wird, die uns blenden und lahm legen.
Jeder, der diesen Text liest, findet sich just in diesem Moment geistig in einer von ihm durchlebten Situation wieder, in der genau diese Emotionen ausgelebt und im Nachhinein reflektiert, eine oder andere Emotion zu dramatisch ausgedrückt wurde.
So ging es mir zumindest und ich habe mir folgende Regeln, die ich am Schluss zusammenfassen werde, festgelegt.
Bleiben wir noch kurz bei Senecas stoischer Ansicht über die Ungerechtigkeit.
Ein wichtiger Gedanke, der mir bei meiner Studie zu Seneca aufgefallen ist - der sich durch sein gesamtes Werk zieht - ist der folgende: wenn wir auf Enttäuschungen seelisch vorbereitet sind, können wir diese besser tragen und verkraften, als die Enttäuschungen, die plötzlich über uns einbrechen und am meisten schmerzen und unerklärlich bleiben.
Natürlich kann man jetzt nicht jeden Morgen aufstehen und sich jedes schlimme Szenario an Situationen ausmalen, sodass man gesetzt den Fall darauf vorbereitet ist, sondern allein die Tatsache, dass diese Weltsicht verinnerlicht wird, dass das Leben unberechenbar ist und wir nicht wissen, welche Nachricht uns in der nächsten Stunde erreichen wird, ist für mich schon die Voraussetzung, dass unsere Wunschvorstellungen nicht zu hart mit der Realität kollidieren.
Einfacher ausgedrückt: Bewusstes Denken, bewusste Haltung dem Leben und den Lebewesen gegenüber, hilft uns das Unerwartete besser aufzufangen.
Auf diese Weise kann man die Erwartungen an das Leben immer wieder nachjustieren, wenn eine Katastrophe hereinbricht.
Für Seneca hat die Realität zwei sich widersprechende Eigenschaften, einerseits die Stabilität der Tradition und Familie und andererseits eine plötzliche Begebenheit, die das Weltbild von der einen auf der anderen Sekunde komplett umwirft.
Seneca kommt hier auf die Göttin Fortuna zurück, als erste Tochter des Jupiters und als Schicksalsgöttin tituliert. Sie trägt auf der römischen Münze ein Füllhorn, Symbol für Macht und Gunst in der einen Hand, und in der anderen Hand das Ruder, stellvertretend für das Unerwartete.
Seneca nahm das Schicksal als Tatsache hin. Für ihn herrschte weder eine Hilflosigkeit noch eine übertriebene Resistenz dieser Annahme gegenüber. Er sah es stoisch-pragmatisch, ganz nach dem Motto, das Leben ist unberechenbar und man sollte auf alles gefasst sein.
Seinen Gedanken fasst er weiter, in dem er sagt, dass auch gerechtes Handeln nicht unmittelbar zu Glück führen muss. Auch das habe ich des öfteren erlebt, dass mein moralisch korrektes Handeln nicht unbedingt mit Lorbeeren belohnt wurde.
Auch wenn man bestürzt und unfähig ist, das Geschehene zu akzeptieren, so habe ich für mich entschieden, einen Sinn darin zu sehen, weiterzumachen und dem Schicksal einfach seinen Raum zu geben, denn ändern konnte ich die Situationen bisher nicht.
Was ich aus dem Teil der Epistulae Morales für mein Handeln und Denken entnehmen konnte, war die Erkenntnis, dass sich das Vergegenwärtigen der Gebrechlichkeit des Menschseins, die durch plötzliche Vorfälle in Katastrophen enden können, helfen kann, den unerwarteten Status quo mit der Zeit zu akzeptieren und gegebenenfalls eine Lehre daraus ziehen zu können.
Es gelingt nicht immer, denn auch aus den Emotionen, die immer und immer wieder kommen, kann man Kraft ziehen und lernen. Vielleicht kommt auch damit eine Leichtigkeit einher, denn wer diese eine Schwierigkeit überstanden hat, kann auch die nächste Hürde überwinden.
„Unzählige haben Völker und Städte beherrscht, ganz wenige nur sich selbst“, Seneca