Identität als Selbstsuche - Teil 2
Als ich in der Schule aufgefordert wurde, meine Zugehörigkeit zu definieren oder zu erläutern, habe ich mich in einer nicht leichten Situation wiedergefunden. Eine Bürde wurde mir mit dieser Frage auferlegt, die ich mein Leben lang zu tragen habe, weil es immer noch Menschen gibt, die einen die eigene Natur und das Dazugehören aberkennen.
Es fiel mir relativ schwer, diesen Artikel zu schreiben, gar anzufangen. Monatelang habe ich mich davor gedrückt, weil auch ich der schweren Last dieser Tragödie ausweichen wollte.
Warum Tragödie? Weil man ständig auf der Suche ist, sich in dieser kollektiven Gesellschaft und dem sich ändernden Zeitgeist anzupassen, ohne aber wie ein Chamäleon seine Farbe ändern zu können. Man selbst bleibt optisch erstmal unverändert, denn man ist ein Produkt seiner Vergangenheit und Wurzeln, doch die Umgebung ist eine andere.
Beherrscht ist man innerlich von den Fragen, "Wer bin ich?", "Wie sehe ich mich?", "Wie sehen die anderen mich?", die dazu führen, dass man seine Position ständig neu definieren und verschieben musste. Die Herausforderung dabei besteht, sich nicht nur individuell zu definieren, sondern auch in den sozialen Konstruktionen der Mainstream Gesellschaft wiederzufinden.
Aufgewachsen in Deutschland, den gleichen Lebensweg zurückgelegt wie die urdeutschen Kinder, angefangen vom Kindergarten bis hin zum Universitätsabschluss, habe ich das Deutsche als meine Identität begriffen, gekennzeichnet vor allem durch die Leidenschaft zur Deutschen Sprache - die Sprache der Dichter und Denker.
Ebenfalls hat meine Leidenschaft zur Philosophie und die Lehre der Erkenntnis oder besser gesagt des Erkennens mir geholfen, mich in dieser Welt zurecht zu finden.
Ein Facette meines Lebens bildet neben der Philosophie auch mein Glaube und dabei meine ich nicht die Religiosität. Für mich geht mein Glaube und das Eintauchen in die philosophischen Lehren Hand in Hand, um so von der Weisheit beschert zu werden, die ich oft bei Menschen suche. Ich werde hier nur auf den Teilaspekt Philosophie eingehen, denn der Glaube ist eine Sache, die man mich sich selbst ausmachen sollte.
Ich nehme es hier mit Sokrates' Erkenntnislehre sehr genau, die auf das delphische Orakel "Gnothi Seauton - Erkenne Dich selbst!" beruht, denn sie ist für mich ein Weg, seine eigene Identität immer wieder zu hinterfragen, da Identität nicht statisch ist, sondern ein immer wieder sich neu generierendes Ziel, welches man nicht aus dem Blick verlieren sollte.
Das Leben eines jeden wird bestimmt durch Etappen und Begebenheiten, die gewisse Herausforderungen mit sich bringen, nämlich, sie fordern einen heraus, sich immer wieder von rechts nach links, von oben nach unten, sich in seine Mitte zu justieren, um so das Seelenheil wiederherzustellen, denn wir wissen ja, dass nach der Nikomachischen Ethik die goldene Mitte erstrebenswert ist und damit der Eudämonie, nämlich dem "guten Leben", nahe kommt.
Ich sage nicht, dass man keine Extreme erfahren sollte, denn diese helfen in diesem Leben zu lernen und aus den Fehlern zu schöpfen, um so für sich selbst rauszufinden, wo das Wohlgefühl liegt.
Krisen, Extreme oder Sackgassen sind für mich Wegweisungen, die uns dahin bringen, wo wir den nächsten Wegabschnitt wählen sollen. Manche entscheiden sich auf dem Stein neben dem Schild "Sackgasse" sitzen zu bleiben, da es dort ruhig ist und man nicht gezwungen wird, den Weg mühsam zurückzugehen und dann erneut vor einem Scheideweg stehen zu müssen.
Viele Menschen scheuen Entscheidungen, was ich verstehe, denn sie fordern nicht nur den Geist heraus, sondern auch die Seele und im Konkreten, die jetzige Situation neu zu überdenken.
All diese Wege und Entscheidungen, die das Leben einem stellt, sollte den Menschen zu seinem eigenen Wesen und damit zu seiner Wahrheit führen und ultimo zur Weisheit.
Als ich in den frühen Jahren diese Formel für mich entdeckt habe, fing ich an, peu à peu meine Lebensentscheidungen zu überdenken und Entscheidungen so zu treffen, die sich meinem Wesen nach "eudämonisch" anfühlten.
Meine innere Stimme der Wahrheit wurde lauter und die Frage nach der Identität (wo gehöre ich hin) wurde leiser.
Auf keinen Fall sollte eine Verneinung stattfinden, denn der Respekt für die Wurzeln sollte in allen Ehren halten werden.
"Ich bin - Du bist" - Das zweite delphische Orakel - "E I"
Zu keinem Zeitpunkt mehr stellte sich mir die Frage, wohin ich gehöre, denn die Verwurzelung hier, wo ich war und bin, wurde tiefer und meine Äste wuchsen empor zu einer satten Baumkrone.
Ich stellte mir die viel wichtigeren Fragen, nämlich, was habe ich gelernt? Was kann aus dem Alten erwachsen? Was ist das Neue? Wo führt es mich hin? Jeder Moment ist im Moment schon Vergangenheit und das Neue ist eine unvergleichliche Form des auf der Oberfläche gefallenen Regentropfens.
Was sagte Marc Aurel in seinen Selbstbetrachtungen : "Die Welt ist ein ewiger Wechsel und das Leben ein Wahn" (Selbstbetrachtungen, IV, 3)
Und um jetzt den Bogen zurück zu meinem Erwachsenwerden in einem neuen Land zu spannen, kann ich es zusammenfassend nur so beschreiben:
Ich habe es mir nicht ausgesucht, hier in diesem Land groß zu werden - eine Ironie des Schicksals - aber ich habe meinen Fokus auf mich selbst und meine Gedanken gesetzt und mir als Hilfe die Gedanken der bereits vergangenen Denker und Dichter genommen, mit einem besonderen Augenmerk auf die deutschen Denker (Nietzsche, Arendt, Hegel etc.).
"Erkenne Dich selbst" ist für mich der Schlüssel, um Frieden für seine Seele zu finden, egal wo, egal wann, denn nicht das Außen sollte unser Wesen erschüttern, sondern die Seele sollte unerschütterlich bleiben und somit auch das Wesen. Die Werkzeuge dafür liegen in unserer Hand, wir haben das nötige Wissen, um gewisse Mechanismen aufzubauen, die dagegen steuern können.
Dass wir uns der Gesellschaft hier anpassen sollten und müssen, erleichtert uns nur den Verlauf unseres Lebens, welches man in einem weiteren Kapitel vertiefen könnte.
Das Erforschen meiner Gedanken und das Schärfen meiner Sinne ist für mich die eigentliche Freiheit und dass ich diese Freiheit hier auf dieser Welt und in dieser Zeit erleben darf, ist für mich ein großes Privileg.
Wie seht Ihr das? Ich freue mich auf Feedback!

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